Die grüne Kulturhegemonie wankt

DE General Geolitico Sources
Die Angst geht um vor einer konservativen Wende. Die grüne Kulturhegemonie wankt. Und mit der politischen Klasse leidet die kommentierende Klasse der Medien.

Im ersten Teil der Besprechung von Ulrich Greiners Buch „Heimatlos“ wurden auszugsweise die verschiedenen Themen angesprochen, die Greiner im Zuge seiner Hinwendung zum Konservativismus als wichtig erschienen. In seinem lesenswerten Buch hält er der der globalen Pseudokultur der Funktionseliten die auch in Deutschland immer noch prägende übernationale europäische Kultur des christlichen Abendlandes entgegen. In diesem zweiten Teil sollen Greiners Aussagen in seinem Buch über die bestehende linksgrüne kulturelle Hegemonie aufgegriffen und anhand aktueller Entwicklungen betrachtet werden.

Kampf um die Diskurshoheit

Gleich am Anfang mit den ersten Sätzen im ersten Kapitel spricht Greiner von der Angst der bundesdeutschen Linkseliten, die Hoheit darüber zu verlieren, was in dieser Republik politisch thematisiert werden darf und was nicht:

„Die Angst geht um. Wovor? Es sind nicht allein die Gespenster von Donald Trump, Marine LePen, Geert Wilders und den anderen, wie immer sie heißen mögen. Es ist die Angst vor einer konservativen Wende. Nicht so sehr das Traditionsbürgertum leidet an dieser Angst, schon gar nicht die vielfach entpolitisierte Unterschicht, sondern es leiden die Linken und Grünen und die dominanten Akteure der Merheitsparteien, es leidet die kommentierende Klasse in den Medien. Sie alle fürchten, die Hoheit über den sogenannten Diskurs zu verlieren und die bislang unangefochtene Macht, die moralischen Standards des Öffentlichen zu bestimmen. Käme es dahin, ich würde es begrüßen.“ (H, S. 7)

Verliert man die Diskurshoheit, verliert man den Kampf um die Köpfe. Greiner hat keinen Zweifel, dass es hier vor allem um die kulturelle Hegemonie der grünen Partei geht. Noch herrscht zwar ein linker Zeitgeist, eine gesinnungsethisch und globalisierungsfreundlich geprägte linksgrüne Kulturhegemonie, die konservative Positionen in immer größerem Maße als undemokratisch brandmarken konnte und die in weiten Teilen der funktionalen Elite der Bundesrepublik verankert ist, nicht nur in den meisten Parteien des Bundestags, den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und den großen Printmedien, sondern auch in den Kirchen, Arbeitgeberverbänden, Gewerkschaften und den Wohlfahrts- und Umweltorganisationen – aber diese Herrschaft wankt.

Ohne Zweifel wurde von vielen seiner (Ex-)Kollegen und in vielen Zeitungsredaktionen Greiners Hinwendung zu christlichem Glauben und Konservativismus nur mit einigem Erstaunen und Befremden zur Kenntnis genommen. Allerdings war das wohl kaum ausschlaggebend für eine negative Beurteilung des Werks. Relativ abträglich waren eventuell aber diese gleich zu Anfang seines Buches gemachten Aussagen über das begrüßenswerte Ende der kulturellen Hegemonie des linken Mainstreams, weil hier von einem Insider die Mechanismen der Meinungsverbreitung und -steuerung in der Bundesrepublik dargestellt wurden, weil hier der „Kleine Bruder politische Korrektheit“ (H, S. 139), der unsere Meinungsvielfalt in immer größerem Maße bedroht, angesprochen wird.

Innerhalb dieser kulturellen Hegemonie bleibt eben nur oben bzw. kommt nur in höhere Positionen, wer die „richtige“ Einstellung hat oder zumindest diese Einstellung überzeugend heucheln kann. Politische Aussagen müssen sich innerhalb des erlaubten Meinungskorridors bewegen, „falsche“ politische Positionen versucht man mit der Begründung, sie seien inhuman, undemokratisch oder rechtspopulistisch, totzuschweigen oder als politisch nicht korrekt öffentlich zu stigmatisieren. Bei der Aufrechterhaltung dieser Hegemonie spielen deshalb Journalisten und Medien die entscheidende Rolle. Ist die öffentliche Bestrafung der (um es einmal im Orwellschen Neusprech des Großen Bruders auszudrücken) „Crimethinkers“ nötig, so findet sie über die öffentlichen Kanäle statt.

Aspekte der Anklage

Wer die linksgrüne Hegemonie beklagt, wie es Greiner tut, muss sich im Klaren sein, dass sich natürlich die „kommentierende Klasse“ im deutschen Blätterwald getroffen fühlt. In den drei Rezensionen zu Greiners Buch, die hier kurz angesprochen werden, wird das zwar nicht bzw. nur andeutungsweise thematisiert, spielt mit Sicherheit aber eine Rolle bei der Gesamtbeurteilung des Buches.

In der Süddeutschen Zeitung, neben der „Zeit“ wohl das Blatt, in dem die jeweils aktuell gültigen Maßstäbe für die politische Korrektheit in Deutschland definiert werden, wurde behauptet[1], es gebe eine Neigung des Autors, Andersmeinende als Opportunisten, Moralisten und Selbsthasser herabzusetzen. Diese Aussage ist angesichts des Bemühens Greiners, seine Themen moderat und offen anzugehen, wirklich nicht mehr nachvollziehbar. Kritik wird dann geübt, wenn Greiner Chomeini noch 1989 im Pariser Exil auf die Machübernahme im Iran warten lässt, obwohl diese schon 1979 erfolgte. Merke: Wer den linken Mainstream verlässt, darf sich niemals mehr irren! Und von einem solchen Autor wolle man sich nicht über den Islam belehren lassen. Weiter lautet die Kritik, Greiner gegeißele einerseits den Moralismus, urteile aber selbst unentwegt moralisierend. Und schließlich entlarvt der SZ-Journalist Greiner als Denker eines „neuen Konservativismus“, der keine „wirklichkeitserschließende Kraft habe und „sich mit Zerrbildern und der Stilisierung seiner selbst zum bedrohten Außenseiter begnügt“.

Der Deutschlandfunk[2] spricht von einem „unerfreulichem Ergebnis“. Offenbar ist Greiners Buch in den Augen wohl der meisten Vertretern der „Internationalisten“, wie Greiner die Repräsentanten der linksgrünen kulturellen Hegemonie manchmal pauschal nennt, in genügendem Ausmaß rechtskontaminiert, um sich mit seinen Aussagen und seinem Inhalt in Zukunft nicht mehr beschäftigen zu müssen. Mit fast dankenswerter Deutlichkeit zeigt die DLF-Rezension, wie die Durchsetzung der linksgrünen kulturellen Hegemonie funktioniert. Man wirft Aussagen Greiners über die Instrumentalisierung von Auschwitz durch die Linken Anschlussfähigkeit an „neurechte Diskurse“ vor, und in der abschließenden Bewertung wird dem Buch insgesamt attestiert, dass „es mit dafür sorgen könnte, einen harten rechten Konservativismus hegemoniefähig zu machen, den Greiner nach eigenem Bekunden gar nicht will“. Hier wird mit dem Begriff „hegemoniefähig“ einmal kurz angedeutet, dass es im aktuellen Streit der Meinungen gerade auch um Diskurshoheit geht. Auf Greiners Kritik an der kulturellen Hegemonie des Linksspektrums geht auch dieser Rezensent ansonsten nicht direkt ein.

Ein Rezensent in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (im Netz nur zugänglich über eine Kopie der Rezension bei buecher.de)[3] kann mit Greiners Bekenntnissen zum Konservativsein und mit den Aussagen in seinem Buch erkennbar nichts anfangen. Für ihn ist Greiner einer in der „Schar ehedem sich links verstehender Journalisten und Intellektuellen, die nun auf konservativen Kurs gehen“. Ob die Heimatlosigkeit Greiners eventuell auch an der Politik der zurzeit herrschenden „Internationalisten“ liegen könnte, wird nicht weiter thematisiert. Auch Greiner habe sich von den Linken abgekehrt, und alles, was den Rezensenten interessiert, ist, „wer nun der Nächste im Renegatenkreis ist“. Das ist wohl die allgemeine Sicht auf Abtrünnige wie Ulrich Greiner, sie sind Renegaten geworden, die vom wahren Glauben abgewichen sind.

Tellenkamp oder die Meinung der anderen

Was in den hier aufgeführten Besprechungen behandelt wird, obwohl es von Ulrich Greiner in seinem Buch zentral angesprochen wird, ist der Vorgang des Verdrängens von konservativen Gegenpositionen als angeblich neorechts oder rechtspopulistisch aus der Diskussion über die richtige Politik im deutschen Gemeinwesen. Greiner will deutlich machen, dass nicht das Aufeinandertreffen verschiedener Auffassungen über die weitere Gestaltung der Politik, die alle mehr oder weniger moralisch bzw. ethisch begründet sein können, eine gefährliche Entwicklungen für eine Demokratie ist, sondern der Anspruch einer bestimmten Richtung, die einzig moralische richtige Auffassung zu vertreten.

Dagegen wehrt sich Ulrich Greiner zu Recht, und das haben seine Kritiker wohl nicht einmal im Ansatz verstanden. Greiner sieht eine immer größere Spaltung der Gesellschaft entstehen durch die Verabsolutierung linker Anschauungen über einen humanistischen Universalismus in der deutschen Funktionselite und in den Medien. Wer nicht diese universalistische Gesinnung hat oder wenigstens den Mund hält, wenn er sie nicht teilen kann, wird gnadenlos in die rechte Ecke geschoben.

Im Übrigen setzt sich keine der hier aufgeführten Rezensionen vertieft mit dem Begriff „Heimat“ auseinander und damit, dass Greiner sein Buch „Heimatlos“ nannte, was nur unterstreicht, dass der Heimatbegriff im linken Spektrum der Politik nicht beheimatet ist.

Abschließend soll noch auf die aktuellen Ereignissen des Jahres 2018 eingegangen werden. Wie recht Greiner Mitte 2017 hatte mit seinen Aussagen zur linksgrünen kulturellen Hegemonie und zur Intoleranz gegenüber Meinungen, die aus dem von ihr definierten Rahmen abweichen, zeigte die weitere Entwicklung des politischen Klimas in der Bundesrepublik nach der Bundestagswahl, als deutlich wurde, dass die linke Hegemonie tatsächlich ins Schleudern kommt. Aufgeschreckt durch den Erfolg der AFD bei der Wahl, verschärften die öffentlich-rechtlichen Sender und die privaten Mainstreammedien die Kritik an Meinungsabweichlern, die den großen Konsens in der Migrationspolitik in Frage stellten, der im Bundestag und in der veröffentlichten Meinung in Deutschland – immer mühsamer allerdings – als einzig mögliche politische Haltung präsentiert wird.

So zeigen zum Beispiel die intellektuellen Zerwürfnisse um Äußerungen des Schriftstellers Uwe Tellkamp in einem Streitgespräch zur aktuellen Flüchtlingspolitik[4] auf, wie sehr diese Republik inzwischen gespalten ist, wobei die Diskussion natürlich gekennzeichnet ist durch die deutliche Überpräsenz linker und linksliberaler Wortführer. Tellkamp, einer der Erstunterzeichner der „Gemeinsamen Erklärung 2018“, hatte angesichts der großen Anzahl von Migranten, die nach Deutschland gekommen sind, die Meinung vertreten, dass die meisten nicht vor Krieg und Verfolgung fliehen würden, sondern herkämen, um in die Sozialsysteme einzuwandern. Er nannte die konkrete Zahl von über 95 Prozent, was ihm natürlich als polemische Äußerung vorgehalten werden kann, da mangels jeglicher Kontrolle der Migranten seit 2015 eigentlich niemand genaue Zahlen, Herkunftsgebiete und Migrationsgründe kennen kann.

Was in Deutschland passieren kann

Aber allein eine solche Äußerung wurde zum Skandal und vertiefte den Riss noch, der durch die ganze Gesellschaft geht. Dabei gehen die Vorwürfe an die Kritiker der Kanzlerin bezüglich ihrer verfehlten Flüchtlingspolitik unter die Gürtellinie, man spricht von „Islamophobie“ oder „Verschwörungsfantasien“. Der angepasste und politisch korrekte Schriftsteller Durs Grünbein wirft Tellkamp vor, ein „Heimatautor“ und „Opferanwalt“ zu sein.

Offenbar muss man das so verstehen, dass Tellkamp sich die falschen Opfer ausgesucht hat, um sie zu vertreten, eben aus den Reihen derer, die schon länger hier sind. Und diese Äußerung zeigt auch auf, dass das Wort „Heimat“ offenbar eines dieser Unwörter geworden ist, mit denen man als progressiver Mensch in Deutschland besser nicht mehr in Verbindung gebracht werden sollte, ganz zu schweigen davon, es selbst in den Mund zu nehmen. Schon der Politklamauk um einen Tonträger mit Heimatliedern, der einer CDU-Heimatministerin geschenkt wurde, zeigt, dass wesentliche Teile der deutschen Gesellschaft ihren inneren Kompass verloren haben.

Es regt sich aber auch Widerstand einer nicht links zu verortenden Zivilgesellschaft gegen den Umgang des Linksspektrums mit Kritikern der aktuellen Politik. Deutlich formuliert der Journalist Harald Martenstein bei seiner Verteidigung Tellkamps die neue Gefahr für die Meinungsfreiheit in Deutschland:

„Es kann in Deutschland passieren, dass ein Buch aus den Bestsellerlisten wie von Zauberhand verschwindet. Es kann passieren, dass alle Bücher eines Autors plötzlich nicht mehr lieferbar sind. Es kann passieren, dass bei einer Buchmesse politisch nicht genehme Verlagsstände geplündert werden, ohne dass die Messeleitung sich zuständig fühlt. Es kann passieren, dass Autoren nicht auftreten können und die Polizei sich für machtlos erklärt.
Das alles passiert hier, nicht etwa in Russland. „Rechts“ und „links“ aber gibt es, seit es Demokratie gibt. Die Begriffe „konservativ“, „liberal“ oder „christlich“ sind nicht gleichbedeutend mit „Nazi“, so wenig, wie „links“ bedeutet, dass man Josef Stalin gut findet. Vielleicht sollte man das Menschenrecht, nicht links zu sein, in die Verfassung schreiben. Andernfalls landen wir womöglich wieder dort, wo Ostdeutschland schon mal war.“[5]

Auch Greiner bezieht in der Tellkamp-Affäre Stellung und verteidigt Tellkamps Recht, eine andere Meinung zu haben als der linke Mainstream, ohne von irgendwelchen Meinungswächtern in Politik und Presse als Rechtspopulist gebrandmarkt zu werden:

„In der Medienöffentlichkeit herrscht noch immer eine Grundsympathie für alles Linke, während das Rechte, das gerne auch populistisch oder reaktionär genannt wird, sofort Abwehrreflexe auslöst. Dann genügt es, jemandem nachzusagen, er stehe der AfD nahe oder er rede wie die Pegida-Leute, schon ist der Fall erledigt.“[6]

Vorsichtig und immer noch relativ verhalten wie auch in seinem Buch äußert sich Ulrich Greiner in diesem „Zeit“-Artikel. Er gehört auch nicht zu den Unterzeichnern der „Gemeinsamen Erklärung 2018“, obwohl diese ihm in ihrer Zurückhaltung und Mäßigung sehr entgegengekommen sein müsste. Aber Greiner ist nun einmal von Hause aus Literaturkritiker und kein politischer Schriftsteller, von ihm wird man die ganz lautstarken und aggressiven Äußerungen, egal zu welchem politischen Thema, auch künftig nicht hören. Aber auch die leise Kritik kann vernichtend sein.

Anmerkungen

[1] Süddeutsche Zeitung, Jens Bisky, „Ein Buch gegen die Herrschaft des linken Mainstreams

[2] Deutschlandfunk, Martin Hubert, „Konservative Offenbarungen

[3] bücher.de

[4] Agenturmeldung in der „Welt

[5] Der Tagesspiegel, Harald Martenstein, „Vom Recht, nicht links zu sein

[6] Die Zeit, Nr. 13/2018, Ulrich Greiner, „Zweierlei Maß